Archiv für die Kategorie ‘Kritiken’

weitere Kritik zu „Heute Abend: Lola Blau“ im Bruchwerk Theater in Siegen

Montag, 04. November 2019

Mit Lola durch bewegte Zeiten

Irina Ries und ihr Pianist Christian Keul interpretieren im Bruchwerk Theater das Musical „[Heute Abend:]Lola Blau“ von Georg Kreisler neu und ernten am Ende Stürme der Begeisterung

Siegen. Das bewegte Leben einer jüdischen Sängerin während des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit darzustellen, die Schauplätze von Österreich über die Schweiz in die USA, dann wieder zurück nach Wien, Budapest und Berlin zu verlagern, geht das? Es klappt – und zwar vortrefflich – wenn eine solch vielseitige Verwandlungskünstlerin wie Irina Ries auf der Bühne agiert. Die noch dazu von einem Tasten-Künstler wie Christian Keul begleitet wird, der in seiner trocken-lakonischen Art in verschiedene Nebenrollen schlüpft. Mal in eine Concierge, dann in einen Briefboten mit mehr oder weniger guten Botschaften, zwischendurch auch als Ausrufer mit dem Megaphon.

„Ich habe Angst vor den vielen Schmidts.“,Irina Ries in ihrer Rolle als Lola Blau

Georg Kreisler der 1922 geborene und 2011 verstorbene österreichische Komponist, Dichter und Sänger, steht für rabenschwarze, manchmal auch sehr böse, anarchistische Texte. Sein bekanntestes Lied wurde „Tauben vergiften im Park“. Sein Musical „Lola Blau“ wurde 1971 uraufgeführt und passt perfekt in kleine Theater. Texte und Lieder sind vorwiegend deutschsprachig, passend auch zum Leben Kreislers, der mit seinen Eltern wegen deren jüdischer Herkunft 1938 in die USA emigrierte und 1955 nach Europa zurück kam.

1938 beginnt auch die in „[Heute Abend:] Lola Blau“ erzählte Geschichte einer Wiener Sängerin, deren Karriereträume in ihrem Heimatland zerplatzten, weil Österreich von Nazi-Deutschland „Heim ins Reich“ geholt hatte. Das Hakenkreuz ist allgegenwärtig. Aus dem Megaphon erscheinen in nervender Lautstärke Heil-Hitler-Rufe und aus dem Volksempfänger „Die Fahne hoch“ im Marschrhythmus. An Lolas Reisekoffer klebt der gelbe Judenstern, als sie in die neutrale Schweiz reist und Konzerte gibt. Doch der lange Arm der Nazis erreicht sie auch dort. Die Fremdenpolizei Zürich gibt ihr 24 Stunden bis zur Ausreise.

Die USA werden ihre neue Heimat, ihre geliebten Leo muss sie zurücklassen. Lolas Reisekoffer ziert inzwischen die amerikanische Flagge. Sie tritt in Las Vegas und New York auf. Herrlich, wie Irina Ries dabei im Dirndl und in alpenländisch eingefärbtem Englisch „Sex is a wonderful habit“ interpretiert. Doch in Wirklichkeit ist sie todunglücklich die bedingungslose Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 erweckt bei Lola Blau Glücksgefühle. „Heut werd ich mich besaufen“, singt sie und nimmt das so wörtlich, dass sie alkoholbenebelt am Boden liegt. Und auch diesen Zustand verkörpert Irina Ries perfekt.

Und Leo? Sein Anruf aus Wien und ihre vorsichtige Annäherung an ihn gehört zu den innigsten Minuten des Abends. Zurückgekehrt nach Wien, merkt sie: Theater ist so ziemlich das Letzte, was die Menschen in der Nachkriegszeit brauchen. Sie bekommt eine Absage nach der anderen, versucht sich in Operettenrollen, um schließlich im „Kaiserschmarrn“ in Wiens 4. Bezirk zu landen. Als Kabarettsängerin.

Aber auch politisch zerplatzt in Lola Blau manche Hoffnung. „Ich hab Angst vor den vielen Schmidts“, singt sie und meint damit die Bürger, die die Nazizeit verharmlosen und sich ihrer Verantwortung für die Vergangenheit nicht stellen. Und Leo, den sie in Wien treffen wollte? Ob er kommt, bleibt offen. „So ist das Leben“, resigniert sie.

Von all den vielen Kreisler-Liedern, die Irina Ries an diesem Abend präsentiert, bleibt vor allem „Im Theater ist nichts los“ im Kopf der Besucher. Im Bruchwerk Theater ist jedoch umso mehr los. Eine Künstlerin, die in unzählige Kostüme schlüpft. Dabei stets auch ihre Persönlichkeit verändert, schweizerisch, berlinerisch, wienerisch und noch andere Dialekte kann, mal brav und bieder und dann frivol verrucht daherkommt, die sich verletzlich und direkt danach euphorisch aufgeladen zeigt, lässt die Zuschauer fast atemlos werden.

Dass sie und ihr Piano-Mann Christian Keul ohne jegliche Mikros, dafür aber perfekt ausgeleuchtet agieren, macht sie beweglicher, lässt sie noch dichter an das Publikum herankommen und setzt der Inszenierung das Sahnehäubchen auf. Deren Emotionen entladen sich durch lautes Bravo und rhythmisches Fußtrampeln.“

von Wolfgang Leipold, Westfalenpost, am 16.09.2019

Kritik zu „Heute Abend: Lola Blau“ im Bruchwerk Theater, Siegen

Donnerstag, 03. Oktober 2019

„“Eine Nachricht für Lola Blau“ SIEGEN Das Bruchwerk-Theater eröffnete die neue Spielzeit mit einem Stück von Georg Kreisler
Das Publikum belohnte die gelungene Premiere mit tosendem Applaus.
[…] Das Bruchwerk-Theater startete am Sonntagabend mit der Premiere des Ein-Personen-Stückes in die neue Spielzeit und erzählte die besondere Geschichte einer jüdischen Künstlerin, die ihre Heimat kurz vor dem Zweiten Weltkrieg verlassen musste und sich auf die Suche nach Akzeptanz und Erfolg machte.
Im „Bruchwerk“ schlüpfte die professionelle Theaterschauspielerin Irina Ries, die in diesem Jahr bereits in dem Stück „Beben“ in Siegen zu sehen war, in die Rolle der Lola Blau. Begleitet wurde sie am Klavier von Christian Keul. […]
Seit seiner Uraufführung im Jahre 1971 in Wien hat das Stück nicht an Aktualität verloren. Mit viel Humor, Charme aber auch Tiefgründigkeit entführte Irina Ries das Publikum in eine andere Zeit, in der man nicht „allen alles sagen“ konnte, wie sie in einem der zahlreichen Lieder singt.
Die Künstlerin unterhält das Publikum aber nicht nur mit Ihrer geschulten Musical-Stimme, sondern auch mit ihren authentischen Dialekten, wie dem der Frau Schmidt: eine Österreichische Frau, die lieber alles beim Alten lassen will, statt offen für Neues zu sein.
Das Theaterstück hat überraschend viele Parallelen zur heutigen Gesellschaft und spielt mit Provokation und Offenheit. Das Publikum belohnte diese Schauspielerische Leistung mit tosendem Applaus und bestätigte die Erkenntnis Kreislers: „Im Theater ist was los!““
von Kiana Nourishad, Siegener Zeitung, am 16.09.2019

erste Kritik zu „Heute Abend: Lola Blau“

Freitag, 23. August 2019

Ein gelungenes Wagnis

Rabenau. Im voll besetzten Odenhäuser Hofguttheater […] brannte es jetzt lichterloh, freilich im übertragenen Sinne. Nach zweieinhalb Stunden Spieldauer sah sich das Publikum zu einer Klatschorgie gezwungen. Dankbarer Applaus brannte den Leuten auf den Nägeln. Überdies hat die noch junge Einrichtung ihre Feuertaufe bestanden. Ausgehend vom musischen Anspruch, dass ein Theater neben der Vermittlung von Schönheit der Kunst auch einen gesellschaftspolitischen Auftrag hat, konnte sich das einzige Theater im Lumdatal nun emanzipieren.

„Heute Abend: Lola Blau“ stand auf dem Spielplan. Irina Ries gab dieser Frauenfigur eine ausgewogene Mischung aus Nachdenklichkeit und Dynamik. Christian Keul am Pianoforte begleitete sie dabei gefühlvoll und schlüpfte in kleinere Nebenrollen. […]

Schachtelungen und Reime sind das Handwerkszeug des Individualisten Kreisler. Für ein Publikum dieser Tage bedeutet das, die grauen Zellen schon anzustrengen. Kunstgenuss trifft auf Appetitverderber. Zweieinhalb Stunden Kreisler auf der Bühne könnte ein Wagnis sein. Doch Künstler wären keine, würden sie nichts riskieren. Ries entscheidet sich für Innehalten, nachdenkliche Momente im geschickten Wechsel mit Dynamik durch vollen Körpereinsatz […] Requisiten auf der Bühne deuten die jeweiligen Handlungsorte an. Ries wechselt die Kostüme, dafür steht ein Paravent bereit, und verkörpert glaubwürdig verschiedene Gemütszustände. Freilich sieht Kreislers Gesellschaftskritik nicht nur das biedermeierliche unbelehrbare Deutschland, sondern auch das amerikanische Sexbusiness.

Die Aufführung von „Heute Abend – Lola Blau“ wird im Hofguttheater Rabenau am Sonntag, 3. November, 18 Uhr wiederholt.“

Gießener Allgemeine Zeitung 20.08.2019, von Volker Heller vollständiger Artikel

Kritik zu meiner Inszenierung „Jenny Hübner greift ein“

Freitag, 21. Juni 2019

“Was passiert, wenn eine Geschichte zu sehr fesselt? Sie saugt den Leser komplett hinein. Dann kann nur noch eine Superheldin helfen. Das Stück für Kinder ab sechs Jahren läuft im Studio.

WIESBADEN – Bücherwürmer kennen das: Erwischt man eine Geschichte, die ganz und gar zu fesseln vermag, vergisst man völlig die Welt um sich herum. Eine tolle Erfahrung – aber mitunter auch recht riskant, wie die kleinen Zuschauer der Produktion „Jenny Hübner greift ein“ erfuhren, die das Junge Staatstheater im Studio als letzte Premiere dieser Spielzeit präsentierte.

Fiebert man nämlich zu sehr mit, entwickelt der Sog des Buches eine solche Kraft, dass der Leser direkt ins Geschehen hinein katapultiert wird. Dies geschieht auch Olga, die so gerne heimlich nachts liest: Viele Male geht das gut, doch diesmal landet sie auf einem Piratenschiff. Und weil mit Seeräubern nicht gut Kirschen essen ist und auch noch der eigentlich richtig gute Fluchtplan misslingt, befinden sich Olga, Schiffsratte Pelzi und der geschasste Smutje plötzlich in großer Not, denn der üble Piraten-Chef Braunbart lässt nicht mit sich spaßen.

Fast eine Stunde lang lauschte und schaute das Publikum gebannt, obwohl mit Sophie Pompe nur eine Schauspielerin für alle Rollen auf der Bühne steht und der Text ganz schön umfangreich für die empfohlene Altersgruppe von Kindern ab sechs Jahren ausfällt. Doch Pompe erzählt so lebendig, dass der Faden nicht verloren geht. Sie ist nicht nur Olga, Pirat und herrlich plattdeutsch zeternde Schiffsratte, sondern auch die titelgebende mysteriöse Jenny Hübner – eine Art Superheldin, gut zu erkennen am Heldinnen-Kostüm inklusive aufgedruckten Initialen.

Mit Unterstützung des mannshohen „Das Buch der Bücher“ (kurz: „DaBuDeBü“) besteht ihre Mission in der Rettung von in Geschichten gesaugten Menschen. Klar, dass dabei das junge Publikum eingespannt wird, das nicht nur im richtigen Moment ein Piraten-Schlaflied zu Olgas Rettung intoniert, sondern auch zweistimmig den Zauberspruch aufzusagen hat.

Es darf verraten werden, dass die Sache ein gutes und zugleich auch etwas überraschendes Ende nimmt. Bei aller Aufregung muss sich also kein kleiner Zuschauer ernsthaft gruseln, zumal die Ausstattung ebenso harmonisch wie kompakt daherkommt: Aus „DaBuDeBü“ wird im Nu ein Boot gezaubert, eine lose Buchseite verwandelt sich in ein Segel oder eine Hängematte. Im Hintergrund baumelt eine fröhliche Wimpelfahne mit Piratenmotiv, Schatztruhe und Säbeln und in der Dunkelheit erstrahlt sanft ein Mond. Mehr braucht es auch gar nicht dank der engagierten Spielweise Pompes in der feinfühligen Inszenierung von Irina Ries (nicht nur die Regie, auch die Ausstattung stammt von ihr) nach dem Kinderbuch „Johnny Hübner greift ein“ von Hartmut El Kurdi, aus dem im Staatstheater kurzerhand eine tatkräftige Jenny geworden ist, die nach Olgas Befreiung sofort weiter saust. Die nächste Aufgabe: „Opa Eberhard hängt an einem Kometenschweif fest!“

Langer Applaus für eine gelungene Premiere. Etwas Sitzfleisch ist für den Besuch allerdings unbedingt vonnöten, was indes nicht unbedingt alle Kinder im knappen Grundschulalter mitbringen.”

Von Julia Anderton  Erschienen am 18.06.2019 im Wiesbadener Tagblatt

„Heute Abend: Lola Blau“ – Pressestimmen

Freitag, 15. November 2013

„Lola Blau verlangt es nach Theater
Das Landestheater Eisenach zeigt Georg Kreislers Ein-Personen-Musical über eine jüdische Schauspielerin, die um jeden Preis auf die Bühne will.
… Der Österreichische Dichter und Komponist Georg Kreisler schrieb wunderbare Lieder für die naive jüdische Varité-Schauspielerin, melodiöse Sprachspiele, zum Teil bitterböse und am Rande des Nonsens. Christian Keul begleitet diese am Klavier. Dass er kein professioneller Schauspieler ist, dem Regisseur Carsten Kochan kleine Sprechrollen gegeben hat, stört nicht weiter. Die Bühne gehört ja Irina Ries als Lola Blau. Sie singt mit rauer Stimme und spielt die Naive einprägsam. Darin verliert sich die Figur jedoch mitunter zu sehr.
… Gegen Ende zeigt sich aber doch, wie bitter Lola geworden ist. Die stärkste Szene ist jene mit Frau Schmidt. Irina Ries intoniert den derben Wiener Akzent, verzehrt das Gesicht zur feinen Dame, die über ihr Leben fabuliert und mitläuft, egal wer gerade regiert, „ich bin doch nur die Frau Schmidt.“ „Heute Abend: Lola Blau“ hält dem Bürgertum den Spiegel vor. Einzig zwei Stofftücher mit Hakenkreuzen sind eine bewusste Provokation. Ansonsten ist die Bühne spärlich gehalten. Scheinbar spontan wird die Lola mit dem gespielt, was der Schauspielerin in die Hände fällt. Eine Lampe als Telefon, ein Koffer als Bett. Ja, wie schrieb schon Kreisler: Im Theater ist was los.“
Katja Dörn / 11.11.13 / TLZ

„Eisenach – Ein Klavier, einen Pianisten, ein Mikrofon, einen Koffer und eine Frau – mehr braucht ein Musical eigentlich nicht. Zumindest nicht «Heute Abend: Lola Blau».
Am Freitagabend feierte das Monodrama Georg Kreislers im Eisenacher Landestheater seine Premiere und obwohl nur wenig Publikum gekommen war, war diese, nicht zuletzt wegen des langanhaltenden Applauses, ein Erfolg.
… Gespielt wird Lola Blau im Eisenacher Theater von Irina Ries, welche mit großer Bravur und nur unterstützt von ihrem Pianisten, Christian Keul, durch das rund zweistündige Programm führt.“
eol/ppb / 10.11.13 / eisenachonline.de

Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen – Kritiken

Montag, 06. Juni 2011

„Die TiL-Bühne wird zur Baustelle eines Lebens
Spielfreudig und temporeich präsentierte Christian Fries seine Inszenierung von Oliver Bukowskis Kleist-Stück „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“ bei der Premiere im Gießener Stadttheater am Freitagabend.
Von Techno-Beats beschallt kommen die Besucher durch den Hintereingang ins Theater,… auf dem Boden zwei rote Läufer und vor allem viele Kartonteile, die zwischen den elf flott abgerollten Szenen immer wieder neu gemischt oder umsortiert werden, als entstünde dadurch ein neuer Sinn des Bühnenbildes, das man auch als Baustelle Leben bezeichnen könnte…
Dergestalt thematisieren sich Requisiten, Kulissen und Spielanweisungen irgendwo zwischen Kunst und deren vermeintlichem Gegenteil selbst im theatralischen Geschehen…
Dabei bedient sich diese Bildsprache mal tänzerischer Elemente, dann wieder komischer Slapstickeinlagen, … „Ich bin das, was ich scheine, und scheine nicht das, was ich bin, mir selbst ein unerklärliches Rätsel, bin ich entzweit von meinem Ich“, klagt der Medardus der Elixiere über das Phänomen der multiplen Selbstwahrnehmung, die im digitalen Zeitalter durch die inflationäre Vervielfältigung der primären Wirklichkeit noch gesteigert wird.
Könnte das philosophische und mittlerweile auch gerne als Pubertätskitsch abgetane Thema der modernen Identitäts- und Erkenntniskritik, an der sich im Ausgang von Kant über Kleist und Hoffmann bis hin zu Bukowskis Bühnenstück die Literatur abarbeitet, auch vom Theaterbesuch abschrecken, so überzeugt diese Inszenierung durch die spielerische Leichtigkeit, mit der sich ihr Tiefsinn ästhetisch genießbar und oft auch komisch entfaltet. Der Unterhaltungswert äußert sich nicht zuletzt in einer Reihe überraschender Regieeinfälle. Schon mal gehört, wie es klingen kann, wenn man die Kritik der Urteilskraft singt (Irina Ries)? Bis zum Schluss vermochten die Darsteller das Publikum mit ihrem Spieltrieb zu bannen, wofür es lang anhaltenden Beifall spendete.“
Gießener Allgemeine Zeitung (Matthias Luft), 18.04.2011

„Heinrich Kleist in die Moderne versetzt
Premiere: „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“ von Oliver Bukowski. – Beklemmendes Kammerspiel über Dreiecksverhältnis.
…Christian Fries ließ das Stück im Spannungsbereich zwischen Komödie und Tragödie changieren…
Bernd Getskard (Milan Pesl) ist ein verkanntes Genie mit allem, was das Klischee dazu hergibt. Der Dichter ist eitel, selbstgerecht, egomanisch und ignorant, unsicher, ängstlich sensibel und lebensuntüchtig. Ohne seine Freundin Claudi (Irina Ries) und seinen Freund Wiepert (Rainer Hustedt) wäre Getskard aufgeschmissen. Wie es sich für ein Genie gehört, dankt er den beiden nicht, sondern provoziert sie ständig…
Fries lässt seine Akteure beklemmend realistisch leiden und er lässt offen, ob Wiepert an Getskard oder Claudi in unglücklicher Liebe gekettet ist…
Fries und seinem Ensemble gelingt es, dem Stück seine Dialoglastigkeit zu nehmen und dem Publikum die beklemmende Welt eines manisch-depressiven Künstlers zu öffnen.“
Gießener Anzeiger (Klaus-J. Frahm), 18.04.2011

Graf Öderland – Kritiken

Dienstag, 18. Januar 2011

„Knallereien, Farben, Musik: Frischs sperriger „Graf Öderland“ als sinnliches Spektakel
„Die Uraufführung 1951 in Zürich war ein respektabler Misserfolg, später in Frankfurt wurde das Stück unter Fritz Kortner noch einmal aufgeführt: ein noch respektablerer Misserfolg.“ Das sagte Autor Max Frisch mit einer gesunden Portion Selbstironie in einem Interview über seine Moritat „Graf Öderland“. Absolut nicht nachvollziehbar ist diese Bewertung aus früheren Jahren allerdings für jene, die jetzt am Stadttheater Gießen eine mehr als respektable Neuinszenierung erlebten.
Kurzweilig und doch anspruchsvoll, manchmal richtig witzig: Vor allem den zündenden Ideen von Regisseur Dirk Schulz und Bühnenbildner Bernhard Niechotz sowie dem engagierten Auftritt der Schauspieler ist es zu danken, dass nach der gut zweistündigen Aufführung das Premierenpublikum lang applaudierte…
…der spielerische Umgang mit dem Stoff ist es wohl auch, der den Theatermachern vor 60 Jahren fehlte…
Ein weiterer Grund für den Erfolg der aktuellen Inszenierung am Stadttheater mag sein, dass sich Regisseur Dirk Schulz nicht nur auf den reinen Text konzentrierte. Wo die Sätze zu sperrig, manchmal gar ein bisschen belehrend wurden, setzten die Akteure auf die Sinne der Zuschauer. Zu sehen gibt es genug: In erster Linie natürlich das lebhafte Spiel der hervorragenden Schauspieler, die mit Leichtigkeit gleich in mehrere Rollen schlüpften: …Wunderbar spielt Irina Ries, die gleich in drei koketten Rollen zu sehen ist: Hilde, Inge und Coco, alle drei sind Geliebte  des Staatsanwalts…
Knallereien, Farben, Musik:Das ist das Beste, was einem bisweilen sperrigen Stoff passieren kann. Schließlich hält sich das Publikum nicht in einer Vorlesung auf, sondern im Theater.“
Gießener Anzeiger (Ulla Hahn-Grimm), 10.01.2011

„Kein öder Land in dieser Zeit.
Der Wutbürger steht auf im Lande, aber der interessiert den Grafen Öderland eigentlich nicht. Er will nicht Symbolfigur sein, und schon gar nicht will er Verantwortung tragen, außer für sich. Er will einfach nur leben, als könnte das Leben selbst dem Leben Sinn geben….
Es ist immer dieselbe Frau, die ihn begleitet (Irina Ries als Hilde/Inge/Coco), es ist immer dieselbe (Kyra Lippler als Elsa), die ihn betrügt, und immer derselbe Nicht-Freund (Roman Kurtz als Doktor Hahn), der ihr assistiert.
Der „Graf Öderland“ setzt im Stadttheater Gießen etliche erfreulich offene Fragen in die Welt.“
FR (Hans-Jürgen Linke), 10.01.2011

„»Graf Öderland«: Alles nur geträumt?
Mit Marilyn-Monroe-Charme verkörpert Irina Ries die drei Gespielinnen des Aussteigers, allesamt in unschuldigem Weiß gekleidet. Insgesamt 26 Figuren hat Frisch für seine »Moritat« vorgesehen,… die sie allesamt sehr sauber zeichnen.“
Gießener Allgemeine (Marion Schwarzmann), 09.01.2011

„Wehe wenn er losgelassen- Max Frischs „Graf Öderland“ wütet im Stadttheater Gießen
…Die Stimmungen unterstreichend erklang Fabian Kühnleins akustische Untermalung: Schüsse hallten durch die Abwasserkanäle, der Santorin-Jingle erinnerte an das uneinlösbare Versprechen einer unbeschwerten Zeit auf der Mittelmeerinsel, dem Sehnsuchtsziel des Staatsanwaltes, und unheilvoll gruselig erschallte der Kinderreim der schönen Köhlerstochter vom axtmordenden Grafen Öderland….
Irina Ries als junge Versuchung suchte den Staatsanwalt gleich in drei Rollen heim und versprühte die gleichwohl unschuldige wie gierige Lebensfreude, nach der dieser sich so sehnte.
Regisseur Dirk Schulz‘ gelungene Inszenierung des schwierigen Stoffes schaffte es das Premierenpublikum durchweg zu fesseln, was es mit lang anhaltendem Schlussapplaus belohnte. Auch wenn bei der Premiere vordergründig viel gelacht wurde, blieb einem beim späteren Nachsinnen doch der eine oder andere- beim Ernst der Thematik unangebrachte- Lacher noch nachträglich im Halse stecken.“
Gießener Zeitung (Christiane Kowollikam), 10.01.2011

Neujahrsempfang mit „Liebe und andere Hobbies“

Montag, 17. Januar 2011

„Rabenschwarz und pointiert
Das Frauenkulturzentrum öffnete am Samstag seine Türen zu einem Neujahrsempfang mit kultureller Note, die punktgenau zu dem Programm des Elisabeth-Selbert-Vereins passte. Irina Ries, Mitglied des Schauspielerensembles am Stadttheater, präsentierte, begleitet von Marion Bathe, ihr Programm „Die Liebe und andere Hobbys“.
Rabenschwarz und böse sind die Lieder von Georg Kreisler, ironisch pointiert und passgenau dazu waren die Gedichttexte von Erich Kästner, die Irina Ries in ihrer „One-Woman-Show“ zusammengestellt hatte. Der Neujahrempfang war die richtige Plattform für eine gnadenlose Abrechnung mit dem scheinbar stärkeren Geschlecht der Männer. Mit sichtlichem Vergnügen präsentierte die Schauspielerin ihr eigenes kleines Programm, mit dem sie zuvor in der Reihe „Foyer um fünf“ im Stadttheater im vergangenen Jahr aufgetreten war.
Natürlich durfte „Tauben vergiften“ in der Rubrik „Hobbys“ nicht fehlen, das wohl bekannteste Kreislerlied… Manche Lieder, wie auch „Bidla Buh“ hatte Ries in eine Frauenvariante umgetextet und mit Lokalkolorit versehen, was bei dem rein weiblichen Publikum ankam…“
Gießener Anzeiger (Barbara Czernek), 17.01.2011

Amadeus – Kritiken

Dienstag, 02. November 2010

„Theatrale Sternstunde
Inszenierung von Shaffers „Amadeus“ in Gießen
Nach zweieinhalb Stunden intensivem und blutvollem Theater bedankte sich das volle Haus am Samstag mit Bravorufen und nimmermüdem Applaus. Die Neuinszenierung von Peter Shaffers Schwarzer Komödie „Amadeus“ durch Astrid Jacob mit Roman Kurtz als charismatischem Komponisten Salieri wurde zu einer theatralen Sternstunde im Stadttheater Gießen…
Schlüsselszene voller glaubhafter Emotion ist die Begegnung Salieris mit Mozarts Gattin.
Constanze, die ihm die Noten ihres Gatten vorlegt und bereit ist, für eine Anstellung ihres Gatten dem eigentlich keuschen Hofkomponisten zu willen zu sein…
Irina Ries ist hier kämpferische und mutige Frau, die in ihrer Haltung dem arroganten Salieri Paroli bietet. Im Schlussbild nimmt sie den toten Mozart in ihrem Schoß, das rührende Bild einer Schmerzensmutter…“
mittelhessen.de (Peter Merck), 01.11.2010

„Keine Anklänge an opulentes Rokoko
…Mit Anmut und dem Selbstbewusstsein einer jungen Frau spielt Irina Ries Mozarts Frau Constanze, die nicht so leichtlebig ist wie ihr Mann und sich den Nachstellungen durch Salieri mit entwaffnender Freizügigkeit erwehrt…“
Gießener Anzeiger (Thomas Schmitz-Albohn), 01.11.2010

Die Orestie – Kritiken

Donnerstag, 09. September 2010

„Faszination des Blutes
Stadttheater Gießen zeigt „Orestie“ von Aischylos
Gebannt verfolgte das Premierenpublikum die zweieinhalbstündige Aufführung, mit der die neue Spielzeit eröffnet wurde, und dankte am Ende mit lang anhaltendem, herzlichem Applaus. Und den hatte sich das Gießener Schauspielensemble auch verdient, denn es liefert unter Georgis Regie eine geschlossene Leistung ab und verwandelt die gewiss nicht einfache Vorlage in ein Stück sehens- und vor allem hörenswerter Schauspielkunst…
Prägnant im Ausdruck und scharf akzentuierend – das ist Petra Soltau im zweiten Teil als Chor der Frauen. Und im dritten Teil bietet sie zusammen mit Irina Ries als Chor der Erinyen ein Kabinettstückchen in souveräner, sprachlicher Gestaltung, dem es sogar nicht an Humor fehlt.“
Gießener Anzeiger (Thomas Schmitz-Albohm), 06.09.2010

„Stadttheater eröffnet mit der »Orestie« von Aischylos die Spielzeit
Mit einem Paukenschlag hat das Stadttheater am Samstag die aktuelle Spielzeit eröffnet. Regisseur Titus Georgi fordert mit seiner Inszenierung der »Orestie« von Aischylos das Publikum heraus
Georgi kostet die archaische Brutalität der antiken Tragödien-Trilogie exzessiv aus, lässt Blut, Schweiß und Tränen im Übermaß fließen und schafft so eine Version dieses Stücks Weltliteratur, die für Gesprächsstoff sorgt. Was will man mehr verlangen vom Theater?! Für manch einen in der Premierenvorstellung war dies zu viel, und als das Blut eimerweise ausgekippt wurde, verließen Vereinzelte den Saal…
Im dritten Teil, den »Eumeniden«, klagen Soltau und Irina Ries als »Chor der Erinyen« den Muttermörder Orest als Seelenquälerinnen an. Da heißt es aufpassen, denn jeder Satz hat hier Gewicht, erfordert volle Konzentration – von Schauspielerin und Publikum gleichermaßen.
Irina Ries kann sowohl als trauernde Elektra überzeugen als auch später im Zusammenspiel mit Petra Soltau als furiengleiche, personifizierte Gewissensbisse. Das Premierenpublikum quittierte gegen 22.30 Uhr den »gewaltigen Brocken«, den Georgi und das fast vollzählige Ensemble serviert hatten, mit wohlwollendem Applaus. Auch ohne seherische Fähigkeiten lässt sich prophezeien, dass diese Inszenierung für Gesprächsstoff sorgen und noch lange in Erinnerung bleiben wird.“
Gießener Allgemeine (Karola Schepp), 05.09.2010