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„Vorläufig der letzte Vorhang“, Kritik zur LOLA im Astaire’s in Gießen

Dienstag, 14. April 2020

Ein letztes Mal Theater: Die aus dem Stadttheater Gießen bekannte Schauspielerin Irina Ries glänzt in Solo-Stück von Georg Kreisler in Tanzschule Astaire’s. […]

Ries als Lola Blau

(© Katrina Friese, Bild gehört nicht zu dieser Rezension)

GIESSEN. Noch hatte der Corona-Virus das kulturelle Leben am Wochenende nicht gänzlich lahmgelegt. „Heute Abend: Lola Blau“ hieß es am Freitagabend im Astaire’s. Und die Erwartungen des Publikums wurden nicht enttäuscht. Irina Ries präsentierte Georg Kreislers grandioses „Musical für eine Schauspielerin“ mit einer solchen Verve, dass sich die Besucher wie verzaubert dem Schauspiel hingaben, das sich auf der kleinen Bühne in der Tanzschule ereignete.

Professionelle musikalische Unterstützung leistete Christian Keul am leicht verstimmten Klavier. Irina Ries, Jahrgang 1982, stammt aus Wiesbaden, studierte Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München und erhielt vom Deutschen Bühnenverein ein Diplomstipendium. Ihre Bühnenlaufbahn begann sie am Staatstheater Wiesbaden, ab 2011 war sie fest in Gießen engagiert und trat in zahlreichen Schauspielproduktionen des Stadttheaters auf. Die „Lola“ hatte sie in der Regie von Carsten Kochan schon 2013 am Landestheater Eisenach und 2019 in Gießen sowie kleineren Bühnen wie etwa dem Hofguttheater in der Rabenau gezeigt, stets mit größtem Erfolg.

Das ehemalige Ensemble-Mitglied des Stadttheaters zeigt im „Astaire’s“ vom ersten Moment an eine kraftvolle Darbietung. Die melancholische Geschichte der jüdischen Sängerin, die in der Zeit des „Anschlusses“ Österreichs an das Nazi-Regime von Wien aus in die USA emigriert, dort Karriere macht und in die Donaumetropole zurückkehrt, zeigt eine Parallele zum Leben des jüdischen Autors, Komponisten und Kabarettisten Georg Kreisler (1922 – 2011).

Los geht’s mit „Im Theater ist was los“, einem Song, der Aufbruchsstimmung signalisiert: „Ende gut, alles gut, vielleicht komm ich nach Hollywood“, reimte Kreisler, und Ries schlägt mit ihrem enormen Charme und tadelloser Gesangsqualität die Zuhörer in ihren Bann. Keul erweist sich dabei als versierter und sensibler Begleiter, dem auch die schlagerhaften Titel nicht die geringsten Probleme machen. Die Texte skizzieren die Rahmenhandlung, eine Probe im Erwartung des Intendanten, die Irina Ries mit knappen klassischen Requisiten illustriert, darunter auch ein paar schicken Klamotten. Sie agiert mit enormer Präsenz und Spielfreude, zischt von einer Rolle in die nächste – es gibt noch Onkel Paul, die Zimmerwirtin, die schon mal eine Hakenkreuzfahne aufhängt („und in einer Stunde sind’s bitte draußen, Fräulein Blau“), und am Telefon erscheint ab und zu ihr Geliebter, Leo Glücksmann, der ähnliche Probleme bekommt.

Lola und die Kerle

Kreisler geht in der Vorlage mit der ihm eigenen virtuos beißenden Präzision zur Sache, etwa wenn es um die Männer geht. „Brutal“ seien sie, dass sie ein Genie sind, muss man ihnen sagen, – „dann wird ihnen ganz schwummerig“. Schließlich resümiert Lola: „Ist es ein Wunder, dass man diese Kerle ersticht?“ Ries bringt das so authentisch rüber, dass einem fast etwas mulmig wird. Sie ist Kreislers subtilen gesanglichen, sprachlichen und inhaltlichen Nuancen vollkommen gewachsen, transportiert sie direkt ins Publikum.

Kreisler bringt seine Figur neben absolut köstlichem Witz auch zu tiefer Trauer („Man muss nur wissen, man hat niemals ein Zuhause“, „Heute fand ich alte Tränen“) und schreibt Texte von geradezu wundersamer Vielfalt. Und Ries liefert dazu eine subtil differenzierte Version des „Herrlichen Weibs“, das die Feinheiten des Texts restlos umsetzt. Für die zahlreichen energiestrotzenden Titel erhält sie mehrfach kräftigen Zwischenapplaus. Zwischendurch liefert sie eine rasante Rollenserie, man kommt kaum mit. Am Ende noch eine köstliche Mozartparodie, bis dann der Pessimismus auch über die Nachkriegslage in Deutschland und Österreich den Ton angibt. „Im Theater ist nichts los“, heißt die Variation zum ersten Titel. Riesiger Beifall, Keul und Ries müssen dreimal wiederkommen.

Das Haus war gut gefüllt: Unter die Besucher hatten sich zahlreiche Kreative gesellt, […] Mitglieder des Schauspielensembles des Theaters, die plötzlich alle frei hatten. Desgleichen einige Musiker des Philharmonischen Orchesters und Mitglieder des Teams der Marburger Musical-Company von „Jesus Christ Superstar“[…]. Auffällig waren die gefühlten Berührungspunkte zur momentanen Lage, die mehrfach spürbar wurden und das Publikum in tiefer Stille lauschen ließ. In den Gesprächen nach der Vorstellung kamen Freude und Wertschätzung darüber zum Ausdruck, dass man eine solche erstklassige Darbietung noch erleben konnte. Und mehr als eine Spur von Trauer: Es war ja erst einmal die letzte Theatervorstellung in Gießen für vermutlich lange Zeit.“

Von Heiner Schultz, Gießener Anzeiger, 17.03.2020

Ab in den Wald im Gießener Stadttheater

Samstag, 30. Juli 2016

2006 debütierte ich im November am Stadttheater Gießen mit „Die Geschichte von Lena“. Zehn Jahre später kehre ich zurück, mit der Rolle von Aschenputtels Stiefmutter in dem wunderbar komischen Musical „Ab in den Wald“ von Steven Sontheim und James Lapine. Es wird meine erste direkte, gemeinsame Arbeit mit Cathérine Miville. Ich freue mich auf Oktober!