Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen – Kritiken

„Die TiL-Bühne wird zur Baustelle eines Lebens
Spielfreudig und temporeich präsentierte Christian Fries seine Inszenierung von Oliver Bukowskis Kleist-Stück „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“ bei der Premiere im Gießener Stadttheater am Freitagabend.
Von Techno-Beats beschallt kommen die Besucher durch den Hintereingang ins Theater,… auf dem Boden zwei rote Läufer und vor allem viele Kartonteile, die zwischen den elf flott abgerollten Szenen immer wieder neu gemischt oder umsortiert werden, als entstünde dadurch ein neuer Sinn des Bühnenbildes, das man auch als Baustelle Leben bezeichnen könnte…
Dergestalt thematisieren sich Requisiten, Kulissen und Spielanweisungen irgendwo zwischen Kunst und deren vermeintlichem Gegenteil selbst im theatralischen Geschehen…
Dabei bedient sich diese Bildsprache mal tänzerischer Elemente, dann wieder komischer Slapstickeinlagen, … „Ich bin das, was ich scheine, und scheine nicht das, was ich bin, mir selbst ein unerklärliches Rätsel, bin ich entzweit von meinem Ich“, klagt der Medardus der Elixiere über das Phänomen der multiplen Selbstwahrnehmung, die im digitalen Zeitalter durch die inflationäre Vervielfältigung der primären Wirklichkeit noch gesteigert wird.
Könnte das philosophische und mittlerweile auch gerne als Pubertätskitsch abgetane Thema der modernen Identitäts- und Erkenntniskritik, an der sich im Ausgang von Kant über Kleist und Hoffmann bis hin zu Bukowskis Bühnenstück die Literatur abarbeitet, auch vom Theaterbesuch abschrecken, so überzeugt diese Inszenierung durch die spielerische Leichtigkeit, mit der sich ihr Tiefsinn ästhetisch genießbar und oft auch komisch entfaltet. Der Unterhaltungswert äußert sich nicht zuletzt in einer Reihe überraschender Regieeinfälle. Schon mal gehört, wie es klingen kann, wenn man die Kritik der Urteilskraft singt (Irina Ries)? Bis zum Schluss vermochten die Darsteller das Publikum mit ihrem Spieltrieb zu bannen, wofür es lang anhaltenden Beifall spendete.“
Gießener Allgemeine Zeitung (Matthias Luft), 18.04.2011

„Heinrich Kleist in die Moderne versetzt
Premiere: „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“ von Oliver Bukowski. – Beklemmendes Kammerspiel über Dreiecksverhältnis.
…Christian Fries ließ das Stück im Spannungsbereich zwischen Komödie und Tragödie changieren…
Bernd Getskard (Milan Pesl) ist ein verkanntes Genie mit allem, was das Klischee dazu hergibt. Der Dichter ist eitel, selbstgerecht, egomanisch und ignorant, unsicher, ängstlich sensibel und lebensuntüchtig. Ohne seine Freundin Claudi (Irina Ries) und seinen Freund Wiepert (Rainer Hustedt) wäre Getskard aufgeschmissen. Wie es sich für ein Genie gehört, dankt er den beiden nicht, sondern provoziert sie ständig…
Fries lässt seine Akteure beklemmend realistisch leiden und er lässt offen, ob Wiepert an Getskard oder Claudi in unglücklicher Liebe gekettet ist…
Fries und seinem Ensemble gelingt es, dem Stück seine Dialoglastigkeit zu nehmen und dem Publikum die beklemmende Welt eines manisch-depressiven Künstlers zu öffnen.“
Gießener Anzeiger (Klaus-J. Frahm), 18.04.2011

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