Graf Öderland – Kritiken

„Knallereien, Farben, Musik: Frischs sperriger „Graf Öderland“ als sinnliches Spektakel
„Die Uraufführung 1951 in Zürich war ein respektabler Misserfolg, später in Frankfurt wurde das Stück unter Fritz Kortner noch einmal aufgeführt: ein noch respektablerer Misserfolg.“ Das sagte Autor Max Frisch mit einer gesunden Portion Selbstironie in einem Interview über seine Moritat „Graf Öderland“. Absolut nicht nachvollziehbar ist diese Bewertung aus früheren Jahren allerdings für jene, die jetzt am Stadttheater Gießen eine mehr als respektable Neuinszenierung erlebten.
Kurzweilig und doch anspruchsvoll, manchmal richtig witzig: Vor allem den zündenden Ideen von Regisseur Dirk Schulz und Bühnenbildner Bernhard Niechotz sowie dem engagierten Auftritt der Schauspieler ist es zu danken, dass nach der gut zweistündigen Aufführung das Premierenpublikum lang applaudierte…
…der spielerische Umgang mit dem Stoff ist es wohl auch, der den Theatermachern vor 60 Jahren fehlte…
Ein weiterer Grund für den Erfolg der aktuellen Inszenierung am Stadttheater mag sein, dass sich Regisseur Dirk Schulz nicht nur auf den reinen Text konzentrierte. Wo die Sätze zu sperrig, manchmal gar ein bisschen belehrend wurden, setzten die Akteure auf die Sinne der Zuschauer. Zu sehen gibt es genug: In erster Linie natürlich das lebhafte Spiel der hervorragenden Schauspieler, die mit Leichtigkeit gleich in mehrere Rollen schlüpften: …Wunderbar spielt Irina Ries, die gleich in drei koketten Rollen zu sehen ist: Hilde, Inge und Coco, alle drei sind Geliebte  des Staatsanwalts…
Knallereien, Farben, Musik:Das ist das Beste, was einem bisweilen sperrigen Stoff passieren kann. Schließlich hält sich das Publikum nicht in einer Vorlesung auf, sondern im Theater.“
Gießener Anzeiger (Ulla Hahn-Grimm), 10.01.2011

„Kein öder Land in dieser Zeit.
Der Wutbürger steht auf im Lande, aber der interessiert den Grafen Öderland eigentlich nicht. Er will nicht Symbolfigur sein, und schon gar nicht will er Verantwortung tragen, außer für sich. Er will einfach nur leben, als könnte das Leben selbst dem Leben Sinn geben….
Es ist immer dieselbe Frau, die ihn begleitet (Irina Ries als Hilde/Inge/Coco), es ist immer dieselbe (Kyra Lippler als Elsa), die ihn betrügt, und immer derselbe Nicht-Freund (Roman Kurtz als Doktor Hahn), der ihr assistiert.
Der „Graf Öderland“ setzt im Stadttheater Gießen etliche erfreulich offene Fragen in die Welt.“
FR (Hans-Jürgen Linke), 10.01.2011

„»Graf Öderland«: Alles nur geträumt?
Mit Marilyn-Monroe-Charme verkörpert Irina Ries die drei Gespielinnen des Aussteigers, allesamt in unschuldigem Weiß gekleidet. Insgesamt 26 Figuren hat Frisch für seine »Moritat« vorgesehen,… die sie allesamt sehr sauber zeichnen.“
Gießener Allgemeine (Marion Schwarzmann), 09.01.2011

„Wehe wenn er losgelassen- Max Frischs „Graf Öderland“ wütet im Stadttheater Gießen
…Die Stimmungen unterstreichend erklang Fabian Kühnleins akustische Untermalung: Schüsse hallten durch die Abwasserkanäle, der Santorin-Jingle erinnerte an das uneinlösbare Versprechen einer unbeschwerten Zeit auf der Mittelmeerinsel, dem Sehnsuchtsziel des Staatsanwaltes, und unheilvoll gruselig erschallte der Kinderreim der schönen Köhlerstochter vom axtmordenden Grafen Öderland….
Irina Ries als junge Versuchung suchte den Staatsanwalt gleich in drei Rollen heim und versprühte die gleichwohl unschuldige wie gierige Lebensfreude, nach der dieser sich so sehnte.
Regisseur Dirk Schulz‘ gelungene Inszenierung des schwierigen Stoffes schaffte es das Premierenpublikum durchweg zu fesseln, was es mit lang anhaltendem Schlussapplaus belohnte. Auch wenn bei der Premiere vordergründig viel gelacht wurde, blieb einem beim späteren Nachsinnen doch der eine oder andere- beim Ernst der Thematik unangebrachte- Lacher noch nachträglich im Halse stecken.“
Gießener Zeitung (Christiane Kowollikam), 10.01.2011

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