Kritik zu meiner Inszenierung „Jenny Hübner greift ein“

“Was passiert, wenn eine Geschichte zu sehr fesselt? Sie saugt den Leser komplett hinein. Dann kann nur noch eine Superheldin helfen. Das Stück für Kinder ab sechs Jahren läuft im Studio.

WIESBADEN – Bücherwürmer kennen das: Erwischt man eine Geschichte, die ganz und gar zu fesseln vermag, vergisst man völlig die Welt um sich herum. Eine tolle Erfahrung – aber mitunter auch recht riskant, wie die kleinen Zuschauer der Produktion „Jenny Hübner greift ein“ erfuhren, die das Junge Staatstheater im Studio als letzte Premiere dieser Spielzeit präsentierte.

Fiebert man nämlich zu sehr mit, entwickelt der Sog des Buches eine solche Kraft, dass der Leser direkt ins Geschehen hinein katapultiert wird. Dies geschieht auch Olga, die so gerne heimlich nachts liest: Viele Male geht das gut, doch diesmal landet sie auf einem Piratenschiff. Und weil mit Seeräubern nicht gut Kirschen essen ist und auch noch der eigentlich richtig gute Fluchtplan misslingt, befinden sich Olga, Schiffsratte Pelzi und der geschasste Smutje plötzlich in großer Not, denn der üble Piraten-Chef Braunbart lässt nicht mit sich spaßen.

Fast eine Stunde lang lauschte und schaute das Publikum gebannt, obwohl mit Sophie Pompe nur eine Schauspielerin für alle Rollen auf der Bühne steht und der Text ganz schön umfangreich für die empfohlene Altersgruppe von Kindern ab sechs Jahren ausfällt. Doch Pompe erzählt so lebendig, dass der Faden nicht verloren geht. Sie ist nicht nur Olga, Pirat und herrlich plattdeutsch zeternde Schiffsratte, sondern auch die titelgebende mysteriöse Jenny Hübner – eine Art Superheldin, gut zu erkennen am Heldinnen-Kostüm inklusive aufgedruckten Initialen.

Mit Unterstützung des mannshohen „Das Buch der Bücher“ (kurz: „DaBuDeBü“) besteht ihre Mission in der Rettung von in Geschichten gesaugten Menschen. Klar, dass dabei das junge Publikum eingespannt wird, das nicht nur im richtigen Moment ein Piraten-Schlaflied zu Olgas Rettung intoniert, sondern auch zweistimmig den Zauberspruch aufzusagen hat.

Es darf verraten werden, dass die Sache ein gutes und zugleich auch etwas überraschendes Ende nimmt. Bei aller Aufregung muss sich also kein kleiner Zuschauer ernsthaft gruseln, zumal die Ausstattung ebenso harmonisch wie kompakt daherkommt: Aus „DaBuDeBü“ wird im Nu ein Boot gezaubert, eine lose Buchseite verwandelt sich in ein Segel oder eine Hängematte. Im Hintergrund baumelt eine fröhliche Wimpelfahne mit Piratenmotiv, Schatztruhe und Säbeln und in der Dunkelheit erstrahlt sanft ein Mond. Mehr braucht es auch gar nicht dank der engagierten Spielweise Pompes in der feinfühligen Inszenierung von Irina Ries (nicht nur die Regie, auch die Ausstattung stammt von ihr) nach dem Kinderbuch „Johnny Hübner greift ein“ von Hartmut El Kurdi, aus dem im Staatstheater kurzerhand eine tatkräftige Jenny geworden ist, die nach Olgas Befreiung sofort weiter saust. Die nächste Aufgabe: „Opa Eberhard hängt an einem Kometenschweif fest!“

Langer Applaus für eine gelungene Premiere. Etwas Sitzfleisch ist für den Besuch allerdings unbedingt vonnöten, was indes nicht unbedingt alle Kinder im knappen Grundschulalter mitbringen.”

Von Julia Anderton  Erschienen am 18.06.2019 im Wiesbadener Tagblatt

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