Archiv für die Kategorie ‘Kritiken’

Die Orestie – Kritiken

Donnerstag, 09. September 2010

„Faszination des Blutes
Stadttheater Gießen zeigt „Orestie“ von Aischylos
Gebannt verfolgte das Premierenpublikum die zweieinhalbstündige Aufführung, mit der die neue Spielzeit eröffnet wurde, und dankte am Ende mit lang anhaltendem, herzlichem Applaus. Und den hatte sich das Gießener Schauspielensemble auch verdient, denn es liefert unter Georgis Regie eine geschlossene Leistung ab und verwandelt die gewiss nicht einfache Vorlage in ein Stück sehens- und vor allem hörenswerter Schauspielkunst…
Prägnant im Ausdruck und scharf akzentuierend – das ist Petra Soltau im zweiten Teil als Chor der Frauen. Und im dritten Teil bietet sie zusammen mit Irina Ries als Chor der Erinyen ein Kabinettstückchen in souveräner, sprachlicher Gestaltung, dem es sogar nicht an Humor fehlt.“
Gießener Anzeiger (Thomas Schmitz-Albohm), 06.09.2010

„Stadttheater eröffnet mit der »Orestie« von Aischylos die Spielzeit
Mit einem Paukenschlag hat das Stadttheater am Samstag die aktuelle Spielzeit eröffnet. Regisseur Titus Georgi fordert mit seiner Inszenierung der »Orestie« von Aischylos das Publikum heraus
Georgi kostet die archaische Brutalität der antiken Tragödien-Trilogie exzessiv aus, lässt Blut, Schweiß und Tränen im Übermaß fließen und schafft so eine Version dieses Stücks Weltliteratur, die für Gesprächsstoff sorgt. Was will man mehr verlangen vom Theater?! Für manch einen in der Premierenvorstellung war dies zu viel, und als das Blut eimerweise ausgekippt wurde, verließen Vereinzelte den Saal…
Im dritten Teil, den »Eumeniden«, klagen Soltau und Irina Ries als »Chor der Erinyen« den Muttermörder Orest als Seelenquälerinnen an. Da heißt es aufpassen, denn jeder Satz hat hier Gewicht, erfordert volle Konzentration – von Schauspielerin und Publikum gleichermaßen.
Irina Ries kann sowohl als trauernde Elektra überzeugen als auch später im Zusammenspiel mit Petra Soltau als furiengleiche, personifizierte Gewissensbisse. Das Premierenpublikum quittierte gegen 22.30 Uhr den »gewaltigen Brocken«, den Georgi und das fast vollzählige Ensemble serviert hatten, mit wohlwollendem Applaus. Auch ohne seherische Fähigkeiten lässt sich prophezeien, dass diese Inszenierung für Gesprächsstoff sorgen und noch lange in Erinnerung bleiben wird.“
Gießener Allgemeine (Karola Schepp), 05.09.2010

Woyzeck – Kritiken

Donnerstag, 22. April 2010

„Endzeitstimmung auf der Müllhalde
Menschen ohne Zukunft: Thomas Goritzki inszeniert Büchners „Woyzeck“ am Stadttheater als radikales Sozialdrama
Thomas Goritzki, in Gießen für seine konsequenten und manchmal auch provozierenden Inszenierungen bekannt, hat sich diesmal Büchners »Woyzeck« angenommen, dem deutschen Sozialdrama schlechthin, und er zeigt eine Gesellschaft am Rande des Abgrunds, wie sie heutiger gar nicht sein kann.
Milan Pešl gibt mit seinem Woyzeck in Gießen ein Debüt nach Maß. Goritzki spart nicht mit Brutalität, zeigt sogar gleich zweimal eine schockierende Vergewaltigung – die von Marie und die von Woyzeck. In beiden Fällen ist der Tambourmajor der Täter, der als Mann seine Macht beweisen muss. Gunnar Seidel wächst in dieser Rolle schier über sich hinaus…
Ein trostloser, stinkender Ort vor den Toren der Stadt, an dem Marie vom Geschrei ihres Babys total genervt ist. Irina Ries legt in ihrer sensiblen Darstellung die Zerrissenheit dieser vollkommen überforderten jungen Frau anrührend offen, die Trost im Alkohol sucht, weil sie ihn weder in ihren Liebschaften noch in der Bibel finden kann.
Als nach 90 Minuten intensiven Spiels das Licht langsam ausgeht, weicht allmählich die Beklemmung und das Premierenpublikum spendete allen Beteiligten den verdienten, langen Applaus – Bravos für die beiden Hauptdarsteller inbegriffen.“
Gießener Allgemeine (Marion Schwarzmann), 21.09.20

„Büchner ohne Büchner zwischen Müll, Suff und Gewalt
Gastregisseur Thomas Goritzki verlegt „Woyzeck“ in Endzeit-Gesellschaft
So wenig Büchner war noch nie.
Irina Ries als Marie muss meistens aus der Bierflasche trinken und als überforderte Mutter ihr Baby anschreien. Die sich in die Länge hinziehende Mordszene ist nicht ohne Wirkung.“
Gießener Anzeiger (Thomas Schmitz-Albohm), 21.09.2009

„Gießener „Woyzeck“ setzt auf absolute Schonungslosigkeit
Schockierend, schonungslos, skandalös – mit diesen Begriffen kann man die aktuelle „Woyzeck“-Inszenierung von Regisseur Thomas Goritzki am Gießener Stadttheater, die am Samstagabend Premiere feierte, am Besten beschreiben.
Hier kämpft Jeder gegen Jeden, es geht um das nackte Überleben, die Menschen definieren sich nur noch durch sexuelle und körperliche Gewalt sowie den Alkohol. Der fließt auf der Bühne in Strömen, selbst Marie (Irina Ries) kann nicht von der Flasche lassen, während ihr Kind vor Hunger schreit… Es ist keine zarte Liebesgeschichte zwischen dem Tamburmajor (Gunnar Seidel) und Marie, keine heimliche Affäre. Es ist kein Liebesspiel, das auf der Gießener Bühne zelebriert wird, vielmehr ist es eine brutale Vergewaltigung,..
Als sei die Darstellung von roher Gewalt nicht schon genug, sind es die Darsteller, die dem Ganzen Nachdruck verleihen: Einer schreit lauter als der andere, einer versucht den Nächsten an Wahnsinn zu übertreffen. Zwar mag dies zunächst wirr und platt wirken, dennoch bekommt die Aufführung dadurch ein neues Maß an Intensität. Wer Büchners „Woyzeck“ zu kennen glaubte, der bekommt in Gießen eine völlig neue Facette gezeigt. Die Aufführung jedenfalls brennt sich tief in Kopf und Seele ein, geht unter die Haut und mag einen kaum noch loslassen. So kann und darf Theater sein: Schockiernd, aufrüttelnd und schonungslos.“
Gießener Zeitung (Sabine Glinke), 23.09.09

Das kunstseidene Mädchen – Kritik

Donnerstag, 15. April 2010

„Bravouröses Solo für Irina Ries.
Christian Fries gelingt im Til mit „Das kunstseidene Mädchen“ eine herausragende Bühnenfassung von Irmgard Keuns Roman.
Fries inszeniert das Stück sehr formal strukturiert. Er emotionalisiert und psychologisiert nicht, sondern geht durch rhythmisierte Sprachbehandlung – oft werden einige Sätze und Worte auch in der Modulation musikalisiert – durch dezent stilisierte Bewegungen und das Stellen von fast unbewegten Bildern einen anderen Weg.
…der Monolog entfaltet seine Wirkung gerade durch die Wahrung einer gewissen Distanz. Das Schicksal von Doris – die Vereinsamung, das Unterhalten von auf Ökonomie gerichteter Männerbeziehungen, der Weg in den Alkohol – bewegt trotzdem.
Irina Ries (Doris) bewältigt – bis auf einen kleinen Textriss in der Premiere – den Monolog mit Bravour. Mit jedem Szenenwechsel in der Erzählung schlägt sie einen anderen Ton an. Mit Genauigkeit werden auch die Bewegungen ausgeführt. Obendrein hauchen die Ausstrahlung der Darstellerin sowie deren eindringliche innere Haltung zu Text und Geschehen der Bühnenfigur Leben ein.
Fries findet immer wieder erstaunlich treffende Bilder für die erzählten Stationen, die über die Szenerie hinaus die seelischen Befindlichkeiten von Doris anschaulich erfassen.
Das sofortige Hereinspringen in Situationen, Momentaufnahmen.
Dementsprechend hat der Regisseur die Szenen „geschnitten“ oder „geblendet“. Die künstlerische Gesamtkonzeption geht auf. Wohlverdient lang anhaltender Applaus für das das 90-minütige Bühnensolo von Irina Ries und für Regisseur Christian Fries.“ Gießener Anzeiger (Löchel) 26.09.2009

Von der Liebe und anderen Hobbies – Kritiken

Donnerstag, 15. April 2010

„Irina Ries als charmante Sängerin.
Kein Stuhl war mehr zu ergattern, als es am Freitag im Stadttheater wieder hieß „Foyer um fünf“. Vielleicht lag es daran, dass sich diese kleine Veranstaltungsreihe immer mehr herumspricht, vielleicht lockte auch diesmal das Programm ganz besonders: Texte und Lieder von Erich Kästner und Georg Kreisler waren angekündigt. Dass dann aber die Solistin Irina Ries, am Stadttheater eigentlich als Schauspielerin engagiert, eine so charmante sängerische Leistung präsentierte, war dem Publikum einen Sonderapplaus wert. Die zuverlässige Begleitung am Klavier hatte Marion Barthe übernommen.
…Und Irina Ries hat sich zur Gestaltung eines zeitgemäßen Programms einiges einfallen lassen. So dichtete sie einige Zeilen um, wogegen die Autoren sicher nichts eingewendet hätten; diese nahmen selbst hin und wieder an ihren Texten noch einmal Aktualisierungen vor. Der Rollentausch erwies sich als besonders erfrischend: Wenn statt Georg Kreisler eine Frau das Programm vorträgt, werden natürlich die Männer zu Opfern, erschossen, vergiftet, aufgehängt.
Das Publikum applaudierte amüsiert.“ Lauterbacher-Anzeiger.de (uhg) am 15.03.2010

„Rappelvoll war am Freitag um fünf das obere Foyer des Stadttheaters bis in die beiden Rangumgänge hinauf.
Schauspielerin Irina Ries hatte ein Programm zusammengestellt, das gelesen und gesungen die Kongruenz von Georg Kreisler und Erich Kästner verdeutlichte.
Amüsiert lauschte das Publikum im oberen Foyer der Interpretin Irina Ries.
Dabei ließ sie sich von Marion Bathe am Flügel begleiten, die wahrlich mehr als nur eine versierte Begleiterin war.
…und fesch war in der Tat die köstliche Dreiviertelstunde, die das Publikum genoss.
Da wird geliebt, gehasst, gegrinst, gejammert, gelacht und geweint, bis der Tod das Regiment übernimmt, und gelte er auch nur den vergifteten Tauben im Park.
Beiden – Kreisler und Kästner – ist die Ironie eigen, die kabarettistische Distanz, und dem Duo Ries-Bathe gelang es, dies auf heitere Art zu vermitteln.“ Gießener-Allgemeine.de (hpg) am 14.03.2010